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Harburger Anzeigen und Nachrichten, 12.10.2009:

Lauma Skrides virtuose Sternstunde
Saisonauftakt der Musikgemeinde

Von Jan-Barra Hentschel

Heimfeld. Es hat also doch noch geklappt. Die Erleichterung war Geschäftsführer Siegfried Bonhagen sichtlich anzumerken, als er vor Beginn des ersten Saisonkonzerts die Mitglieder der Musikgemeinde Harburg in der renovierten Friedrich-Ebert-Halle begrüßte. Bei seiner Ansprache durfte sich gleich die neue Tonanlage bewähren, und die Musiker auf der Bühne waren zunächst in ein freundliches blaues, später funktional helles Licht getaucht - denn auch die Beleuchtung war modernisiert worden. So stand dem Heimfelder Gastspiel der Hamburger Symphoniker nichts mehr im Wege.

Unter der Leitung der estnischen Dirigentin Anu Tali präsentierte das Orchester zwei populäre Werke des gebürtigen Hamburgers Felix Mendelssohn-Bartholdy, dessen Jubeljahr (200. Geburtstag) so langsam zu Ende geht. Im kommenden Jahr dreht sich dann alles um Schumann und Chopin.

Die tückischen ersten vier Akkorde der Konzertouvertüre "Ein Sommernachtstraum" kamen präzise über die Rampe - ansonsten steckte Anu Tali ihren Kopf allzu oft in die Partitur. So kam nur eine solide, wenig inspirierte Interpretation dieses Geniestreichs eines 17-Jährigen (!) zustande. Die Symphoniker gingen zwar schwungvoll zur Sache, doch der Funke wollte nicht so recht überspringen.

In der 4. Sinfonie A-Dur Opus 90, der "Italienischen", hatte die Dirigentin dann vier Sätze Zeit, eine Spannung aufzubauen. Und hier gelangen ihr und den Symphonikern ein gelöstes Musizieren. Nach der spritzig-mediterranen Aura des Kopfsatzes und der Melancholie der Mittelsätze brannte das Orchester im Saltarello-Finale ein wahres Feuerwerk ab. Der lange Schlussbeifall für Anu Tali und die Musiker war völlig berechtigt. Doch der eigentliche Star war bereits vor der Pause aufgetreten.

Die fünf Klavierkonzerte von Camille Saint-Saëns sind in Deutschland nie heimisch geworden. Der jungen, in Hamburg lebenden Lettin Lauma Skride war es jetzt zu verdanken, dass die Harburger einen ersten Eindruck von den virtuosen Kabinettstückchen des Franzosen erhielten. Schon allein die Form des 2. Klavierkonzerts g-Moll Opus 22 von Saint-Saëns ist ungewöhnlich: Auf einen rhapsodischen langsamen Satz folgen ein Scherzo und ein übersprudelndes Finale.

Mit grenzenlosem Vertrauen in ihre Fingerfertigkeit wirbelte Lauma Skride über die Tasten - perfekte Virtuosität war bei ihr nie Selbstzweck, sondern das richtige Mittel, die Besonderheiten dieser - zugegeben nicht sehr "tiefen" - Musik zu betonen. Eine wichtige Begegnung - und eine großartige Pianistin.


Harburger Anzeigen und Nachrichten, 12.11.2009:

Trauma eines Liedes
Solostück "Mit Dir, Lili Marleen" sorgt im Helms-Saal für Begeisterung

Von Jan-Barra Hentschel

Harburg. Das Lied hat sie verfolgt - ein Leben lang: "Lili Marleen". Die Rede ist von Lale Andersen, deren Leben im Mittelpunkt eines Theaterabends im rappelvollen Saal des Helms-Museums stand. Auf Einladung der Musikgemeinde Harburg waren die Hamburger Kammerspiele mit ihrem Stück "Mit Dir, Lili Marleen" über die Elbe gekommen - ein Solo für Stefanie Schmid, am Akkordeon perfekt begleitet von Daniel Kabulski.

Der nur scheinbar beschwingte Abend machte nachdenklich - Freud und Leid lagen bei Lale Andersen so dicht beieinander. Und diese extremen Gemütszustände brachte Stefanie Schmid wunderbar einfühlsam über die Rampe. Mit unglaublicher Energie sang und spielte sie sich durch die zwei Stunden und brachte dabei das Schicksal einer Frau, die so gerne Schauspielerin werden wollte und dabei an einem Lied hängen blieb, wieder zum Leben - ein Leben zwischen früher Ehe, Mutter von drei Kindern, Liebesglück in der Schweiz und zweifelhaftem Naziruhm.

Eine Bühne voller Koffer, die jeder eine Stadt und eine Wohnung symbolisieren. Als Liese-Lotte Helene Berta Bunnenberg in Bremerhaven geboren, heiratet die norddeutsche Deern mit 17 Jahren den Maler Paul Ernst Wilke. Doch schon bald bricht sie aus der sie erdrückenden Enge aus - sie will berühmt werden -, verlässt Mann und Kinder und geht nach Berlin. Sie haust in einem "Loch" von fünf Quadratmetern, versagt beim Vorsprechen, darf aber mit ihren so geliebten Matrosenliedern im Kabarett auftreten. Sie geht auf Tournee und trifft in der Schweiz ihre große Liebe, den Komponisten Rolf Liebermann. Immer wieder erinnert sie sich zärtlich: "mein lieber Mann".

Eine frühe Vertonung des Hans-Leip-Gedichts "Lili Marleen" singt Lale Andersen - den Namen hatte Lotte Lenya ihr vorgeschlagen - bereits öffentlich, als Norbert Schulze ihr sagt: "Das kann ich besser." Die neue Version nimmt Lale 1939 auf, doch die Schallplatte verkauft sich schlecht - bis zum denkwürdigen Tag, als der Soldatensender Belgrad die Platte auflegt - und das Lied international berühmt macht. Dass auch die feindlichen Soldaten "Lili Merleen" mit Tränen in den Augen singen, erzürnt die Nazis. Als Lale sich dann auch noch weigerte, das Warschauer Ghetto zu besuchen, erhält sie Hausarrest. Mit brüchiger Stimme sang Stefanie Schmid am Ende des Abends noch einmal "Lili Marleen" - und mit jeder Zeile wurde ihre Stimme sicherer und schöner. Ein bewegender Moment!


Harburger Anzeigen und Nachrichten, 2.12.2009:

Loblied auf die Moderne
Philharmoniker Hamburg triumphieren bei der Musikgemeinde Harburg

Von Jan-Barra Hentschel

Heimfeld. Ja, gibt's das?! Aufgeführt wurden ein US-amerikanischer Komponist und ein gerade mal fünf Jahre altes Stück - dazu eine ausladende Sinfonie eines heute nahezu vergessenen Österreichers: alles Dinge, die eher für eine leere Friedrich-Ebert-Halle sprachen. Doch die Mitglieder der Musikgemeinde Harburg sind beim dritten Saisonkonzert über ihren Schatten gesprungen und haben Mut und Neugier bewiesen. Beim grandiosen Gastspiel der Philharmoniker Hamburg blieben nur wenige Plätze in der Heimfelder Halle leer - und niemand im Saal hat sein Kommen bereut. So aufregend und spannend kann die Musik des20. und 21. Jahrhunderts sein.

Der Abend begann verhalten modern: "Quiet City" für Trompete, Englischhorn und Streichorchester (1941) von Aaron Copland entpuppte sich als stimmungsvolle Elegie, deren spärliche Dissonanzen in ein harmonisches Klangbett eingefasst waren. Der Dirigent des Abends, Christian Jost, hatte ein eigenes Werk mit nach Heimfeld gebracht: "Pietà - in memoriam Chet Baker" für Trompete und Orchester. Wer den Jazztrompeter, der 1988 im Drogenrausch aus einem Amsterdamer Hotelfenster zu Tode gestürzt war, jemals gehört hat, fühlte sich in Josts sprödem Werk sofort heimisch.

In dem einsätzigen, aber auffällig dreiteiligen Stück kämpft die Solotrompete mit klagenden, oft mit Dämpfer gespielten Tönen gegen die Klangmassen des großen Orchesters an. Jost arbeitet hier mit raffinierten rhythmischen Mustern, die durch die Orchestergruppen wandern. Diese musikalische Trauerarbeit verschreckte niemanden mit aggressiven Avantgarde-Gebärden, hier wurde tiefsinnig, dabei aber leicht verständlich musiziert. Und in dem blutjungen Mathias Müller (geboren 1987), seit zwei Jahren Solotrompeter der Philharmoniker, hatte Jost einen kongenialen Partner gefunden. Nicht nur das Publikum, sondern auch die Kollegen auf der Bühne waren restlos begeistert.

Im Juni 2007 erklang in Heimfeld sein Cellokonzert, jetzt folgte seine einzige Sinfonie. Die Rede ist von Erich Wolfgang Korngold. Er begann im Wiener Fin de Siècle als Wunderkind, wurde von Mahler und Strauss protegiert, errang Starruhm als Opernkomponist ("Die tote Stadt"), emigrierte in die USA und wurde der seinerzeit erfolgreichste Filmkomponist Hollywood.

Und danach? Seine Sinfonie in Fis Opus 40 aus dem Jahr 1952 - dies wurde bei der Aufführung überdeutlich - ist ein einziger Anachronismus. Im Jahrzehnt des Serialismus war die Zeit an Korngold vorbeigegangen. In diesen 50 Minuten voller Spätest-Romantik beschwor der Komponist noch einmal die Sinfonik Gustav Mahlers - überladen, oft schwülstig, doch nie langweilig. Nach schroffem Beginn und turbulentem Scherzo versank die Musik in romantischer Süße. Doch die Philharmoniker und der präzise dirigierende Jost gaben ihr Bestes.


Harburger Anzeigen und Nachrichten, 11.1.2010:

Ein Indianer im Reich der Toten
Urs Widmer begeistert bei der Morgenfeier

Von Jan-Barra Hentschel

Harburg. Für einen Schweizer ist Schnee nichts Ungewöhnliches. So reiste Urs Widmer aus dem weißen Zürich ins weiße Harburg, um im Saal des Helms-Museums aus seinem jüngsten Roman "Herr Adamson" vorzulesen. Die schon traditionelle Morgenfeier der Musikgemeinde Harburg wurde diesmal vom Ensemble "Nota Bene!" besinnlich eröffnet, das das Divertimento Nr. 4 B-Dur KV 439b von Wolfgang Amadeus Mozart spielte - in der ungewöhnlichen Besetzung für drei Bassetthörner. Ein schwungvoller Auftakt!

Dann betrat der renommierte Schweizer Schriftsteller die Bühne, um das Publikum im - trotz des widrigen Winterwetters - gut besuchten Helms-Saal mit seiner merkwürdigen Geschichte zu fesseln. Der Roman "Herr Adamson", 2009 im Diogenes-Verlag erschienen, beginnt im Jahr 2032 und blendet dann zurück ins Jahr 1946. Der Ich-Erzähler, am gleichen Tag (21. Mai 1938) wie Urs Widmer geboren, feiert mit Kindern, Enkeln und Urenkeln seinen 94. Geburstag. Dabei erinnert er sich an den Tag, an dem ihm zum ersten Mal Herr Adamson begegnet war.

Als Achtjähriger schleicht der Ich-Erzähler durch einen verwilderten Garten mit brusthohem Gras - und fühlt sich dabei wie ein Indianer. Plötzlich steht ein kleiner alter Mann vor ihm und stellt sich als Herr Adamson vor. An dieser Stelle griff Widmer in die Dramaturgie der Lesung ein. "Im Buch lasse ich die Katze erst allmählich aus dem Sack, für Sie verkürze ich das heute: Herr Adamson ist ein Toter." Er ist der "direkte Vorgänger" des Erzählers: Im gleichen Augenblick, als dieser geboren wurde, starb der Greis. Was jetzt folgt, ist eine schaurige Höllenfahrt, eine Reise am Rande des Totenreichs, die der mutige achtjährige "Indianer" mit dem alten Mann unternimmt. Mit knapper Not rettet er sich wieder an die Erdoberfläche.

Diese tiefsinnig-skurrile Geschichte über den Tod und das mögliche Danach las Widmer in seinem sympathischen Schweizer Dialekt, dabei unterstützte er fast jeden Satz mit energischen Gesten - seine Hände waren immer in Bewegung. Hier hatte ein Autor sichtlich Spaß an seinem Text.


Harburger Anzeigen und Nachrichten, 16.1.2010:

Von Zart bis Dramatisch
Ian Fountain überzeugt mit einem reinen Chopin-Abend bei der Musikgemeinde

Von Jan-Barra Hentschel

Heimfeld. In der Hamburger Laeiszhalle ist es gängige Praxis, bei der Musikgemeinde Harburg eher die Ausnahme: ein reiner Klavierabend. So war verständlicherweise die Neugier des Heimfelder Publikums vor dem Auftritt des Engländers Ian Fountain groß. Das Besondere des Abends in der Friedrich-Ebert-Halle: Der Pianist spielte Werke nur eines Komponisten - von Frédéric Chopin anlässlich seines 200. Geburtstags, der in diesem Jahr weltweit gefeiert wird.

Mit seinen unzähligen Klavierwerken hat Chopin die Romantik nachhaltig geprägt. Aus dem riesigen Œuvre des Polen hatte Ian Fountain (einschließlich der beiden Zugaben) 13 Stücke ausgewählt, die die ganze Bandbreite des Komponisten aufzeigten - von zart bis dramatisch, von verträumt bis widerborstig.

Das Konzert begann mit Chopins letztem bedeutenden Werk, der Polonaise-Fantaisie As-Dur Opus 61. Die schroffen Stimmungswechsel schälte Fountain zwar einfühlsam heraus, doch in den schnellen Partien gegen Ende spürte man noch die Unruhe im Spiel des Engländers - waren es die kalten Hände oder das Lampenfieber? Doch in den beiden genialen Nocturnes Opus 27 in cis-Moll und Des-Dur hatte er sich frei gespielt, hier verzauberte er die Zuhörer mit seinem innigen, variablen Anschlag.

In den drei Mazurken Opus 59 brillierte Fountain mit sicherem Gespür für die rhythmischen Feinheiten dieser "Tanzmusik". Der erste Teil endete mit der 4. Ballade f-Moll Opus 52, einem faszinierenden Kompendium der unterschiedlichsten Charaktere, die der Engländer mustergültig herausarbeitete.

Nach der Pause kam dann ein riesiger Brocken: Ian Fountain führte gleich alle vier Scherzi Chopins auf, die zu dessen sprödesten Kompositionen zählen. Hier war auch vom Publikum höchste Konzentration gefordert. Die harten Kontraste - aggressive Themenblöcke prallen auf liebliche Scheinidyllen in den Mittelteilen - kamen präzise zur Geltung, auch technisch agierte Fountain auf höchstem Niveau. Diese vier Scherzi präsentierten einen rigorosen Chopin fernab der Salonmusik.

Wie befreit klatschte das Publikum diese bemerkenswerte Darbietung - und wurde reich belohnt: Ian Fountain spielte als Zugaben zwei der populärsten Stücke Frédéric Chopins: das beseelte Nocturne Es-Dur Opus 9.2 und den wirbelnden Walzer cis-Moll Opus 64.2.

   
 
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